TSD

 

Künstlerserien



FEDERICO TISA

Mr. Incredible, how I won this war

Während der beiden Lockdowns schloss sich meine Familie für viele Monate in einer schützenden Blase ein und verlor die wirkliche Kenntnis der Außenwelt in einem solchen Ausmaß, dass unsere Orientierungslosigkeit die unterschiedlichsten Verhaltensweisen hervorrief. Nicolò, der im April 4 Jahre alt wurde, litt am meisten unter dieser Situation und befand sich in der komplizierten Lage, nur mit Erwachsenen zu tun zu haben. Zu seinem Geburtstag schenkten seine Mutter und ich ihm eine Puppe seines liebsten Superhelden, Mr. Incredible. Nicolò identifizierte sich so sehr mit der Figur, dass sie zu seinem Alter Ego wurde. Das hat ihm geholfen, viele schwierige Momente zu überwinden. Mr. Incredible hat vor nichts Angst. Er hat keine Angst vor der Dunkelheit oder vor dem Virus. Er hat keine Angst vor Infektionen, weil er so vorsichtig ist und sich immer die Hände wäscht. Er ist in der Lage, dieses Übel zu besiegen und die ganze Welt in die Realität von vor einiger Zeit zurückzubringen.

MARINA DYAKONOVA

The Texture of Fear

Die Mehrheit der Menschen, die unter Angststörungen leiden, sind Frauen. Heute können solche Störungen in der Regel medizinisch behandelt werden. Vor der medizinischen Therapie fanden die Menschen jedoch häufig eine Therapie in der Handarbeit. Einfache und konventionelle Arbeiten mit ein wenig Kreativität sind eine der wenigen von Psychiatern anerkannten Methoden zur Behandlung von Ängsten. Das Projekt ist ein Versuch, die Ängste zu bekämpfen, indem man sie formt und ihre Bilder nachzeichnet. Es ist eine Kombination aus Fotografie auf Leinwand und Handarbeit, bei der man nicht nur mit einem Bild, sondern auch mit seinem Träger arbeiten muss. Für jedes Porträt habe ich verschiedene Arten von Handarbeit angewandt, die den Grundsätzen der Arbeitstherapie voll und ganz entsprechen: Einfachheit, Konvention und Kreativität.

NINA WELCH-KLING

Rallentando

Rallentando ist eine Serie von offenen Straßenporträts und Fragmenten, die in New York City fotografiert wurden. Auf den ersten Blick wirken die offenen Porträts wie Studioaufnahmen ohne Zeit und Ort. Die Spontaneität der Fotografien offenbart sich erst nach und nach durch fragmentierte und dezentrierte Kompositionen banaler Details, die in die Serie eingefügt wurden. Während ich mich durch die Rallentando-Sequenz bewege, bieten die Fotos visuelle Anhaltspunkte, die Teil eines größeren Mosaiks meiner täglichen Begegnungen werden.

Ich fotografiere instinktiv und spontan. Der Fokus meiner Bilder ist oft eine einfarbige Leinwand, die die Fußgänger füllen, indem sie einfach vorbeigehen. Ein Strom bunter Eindrücke spiegelt die unaufhörliche Bewegung der geschäftigen und überfüllten Stadt wider. Die gedämpften Töne und die teilweise unscharfen Bilder stellen die Grenzen zwischen Darstellung und Abstraktion in Frage, indem sie oft innerhalb eines einzelnen Rahmens Anonymität und emotionale Unverbundenheit suggerieren.

Manche Menschen gehen an mir vorbei, andere halten Abstand; manchmal fange ich eine Geste ein, manchmal nur eine wehende Haarlocke, aber alle sind Teil des Gewebes des alltäglichen Lebens, das ich gerne beobachte. Diese Serie feiert die kurzen und kaleidoskopischen Momente, denen ich in den Straßen Manhattans begegne.

SVANTE GULLICHSEN

Hanging on

»Hanging on« ist eine offene Geschichte der Selbstfindung, des Zusammenbruchs der psychischen Gesundheit durch eine schwere Zwangsstörung und ihres Wiederaufbaus. Die Werke sind Selbstporträts, die zwischen 2016 und 2020 entstanden sind. Die Arbeiten befassen sich mit schwierigen Themen durch die Natur – wie graue Moose den Menschen auffressen, die Sicherheit vor der Welt bieten der Welt bieten, ihn aber gleichzeitig von allem ausschließen. Wie eine weiße Winterlandschaft plötzlich unterbrochen wird und sich das Bild und der Geist mit pechschwarzem Rauch füllen. Die Werke verbinden das Geheimnisvolle, die Kräfte der Natur, den Kampf von Licht und Schatten in unnatürlichen Situationen in einer Waldlandschaft, die allen Finnen vertraut ist.

XIANGYU LONG

Shared Space

Ein Sieben-Sekunden-Video im Internet macht Ding Zhen, einen einfachen tibetischen Yakhirten, über Nacht zum Internetstar. Diese Sensation veränderte nicht nur das Leben von Ding Zhen, sondern hatte auch tiefgreifende Auswirkungen auf seine Heimatstadt. Die Dorfbewohner wurden inspiriert, die sozialen Medien zu nutzen, um Einfluss zu nehmen. Durch die sozialen Medien lernt die Außenwelt dieses abgelegene Nomadendorf kennen, während das Dorf neue Trends aus der Welt aufnimmt und die traditionellen Denkweisen und Bräuche der Vergangenheit verändert. Die in den sozialen Medien veröffentlichten visuellen Inhalte verhelfen den Einheimischen zu mehr Anhängern und einem zusätzlichen Einkommen. Die Einheimischen haben ihren Lebensraum umgestaltet, um Besucher zu beherbergen, die ihr Leben in der Großstadt verlassen, um ihre Idole im Dorf zu besuchen. Was einst ein exklusiver Familienraum war, ist nun ein gemeinsamer Raum für Einheimische, die nach Popularität streben, und Besucher, die versuchen, so tief wie möglich in ihre Vorstellung vom romantischen, wilden Leben der Tibeter einzutauchen.

HANNAH ALTMAN

A Permanent Home in the Mouth of the Sun

Die Serie erforscht die jüdische Diaspora, den Aufbau der Welt und die heilige Zeit durch fotografische Erzählungen, die auf interpretierten Ritualen und Motiven der jiddischen Folklore aufbauen. Jüdische Geschichten befassen sich oft mit der Polarität des Exils; mit der einen Hand pflegen wir die Wunden unserer Vorfahren, die uns zwingen, uns abzuschirmen und zu assimilieren, mit der anderen kneten wir eine angestammte Widerstandsfähigkeit, die es uns erlaubt, Handlungen, Orte und Objekte immer wieder neu zu betrachten, wenn sie in neue Räume der Pflege und Übersetzung passen.

TORI FERENC

In Waiting

Ziel der Serie ist es, die Ängste und Freuden der Schwangerschaft und der ersten Elternschaft während der Coronavirus-Pandemie einzufangen. Ich erfuhr im April 2020, dass ich schwanger war, einen Monat nach der nationalen Abriegelung. Da unsere Familien zurück in Polen waren, wurde die Schwangerschaft zu einer intimen Erfahrung, die ich mit meinem Mann teilte. Da ich meist auf den Raum unserer Wohnung beschränkt war, richtete ich die Kamera auf uns. Ich begann, unser Leben in diesem transformativen Moment zu dokumentieren, und ich habe dies auch mit der Ankunft unserer Tochter fortgesetzt. Ich hoffe, dass ich die zufällige Poesie des Alltags mit den Augen einer Mutter zeigen kann.

TARA FALLAUX

Perfect Pearl

Diese Mixed-Media-Serie untersucht die Universalität von Liebe und Ehe im spirituellen und alltäglichen Leben der chinesischen Frauen. Im Titel wird das Wort Perle verwendet, das in der chinesischen Kultur „schön“ und „wertvoll“ bedeutet, und angesichts der Form der Perle impliziert es auch Perfektion, so dass die „perfekte Perle“ ein glückliches Leben oder eine perfekte Liebe bedeutet. Dieses Projekt, das während meines Aufenthalts in Xiamen entstand, nutzt eine reichhaltige Erzählung, um die verschiedenen Aspekte der Liebe im chinesischen Kontext herauszuarbeiten – romantisch, beständig, finanziell verankert – und das Ringen und Nachdenken des Einzelnen angesichts dieser kulturellen und praktischen Realitäten.

PETER PFLÜGLER

Now is not the right time

Dieses Projekt begann mit einer Geschichte über den Selbstmordversuch meines Vaters. Als ich zwei Jahre alt war, ging er in den Wald mit der Absicht, nie wieder zurückzukehren. Während ich das Trauma meiner Eltern – die Orte, Gegenstände und Erinnerungen, die ich nicht mein eigen nennen konnte – wieder aufsuchte, fand ich es hier, in mir selbst. Mein Körper hat es immer gewusst. Dies ist also nicht länger eine Geschichte über einen Selbstmordversuch. Es geht um die Unmöglichkeit von Geheimnissen, um das, was wir teilen, wenn wir uns verstecken. Es geht um Schmerz, der aus Liebe zugefügt wird, um die Komplexität des Schweigens und um die unerklärliche Traurigkeit eines Jungen. Mama, Papa, das ist euer Trauma, das ihr in zahllose bunte Decken eingewickelt habt und mir doch unwissentlich in einer liebevollen Umarmung übergeben habt. Ich werde es mit Sorgfalt tragen.

QUETZAL MAUCCI

Children of Immigrants

Ich bin die Tochter von zwei Einwanderermüttern aus Peru und Argentinien. Meine Wurzeln liegen nicht direkt unter mir, unter diesem Boden, auf dem ich stehe, sondern reichen in viele Teile der Welt. Ich wuchs in San Francisco auf, wo ich ständig von Haus zu Haus zog, manchmal in Häuser, die mit anderen Familien gefüllt waren. Ich lernte schnell, mich anzupassen. Ich wurde eine Reisende, so wie meine Mütter es sind und wie viele Einwanderer Reisende sind, deren Füße und Gedanken nie stillstehen. Während eines Großteils meiner Kindheit spürte ich eine Spannung zwischen der Kultur, in die ich in der Schule eingetaucht war, und der Kultur, die meine Mütter in unserem Haus lebendig hielten, in das ich jeden Abend zurückkehrte. Ich steckte in einem unbequemen Dazwischen fest, einem Ort, aus dem ich mich immer noch zu befreien versuche.

FRANK KREMS

Die Einsamkeit des Mannes beim Grillen

Die vorliegende Arbeit thematisiert in dokumentarisch inszenierter Form den vermeintlichen Reiz einer disparaten Beziehung, vor allem aber deren Drama, in der uns unser Gegenüber schnell fremd wird. Sie verdeutlicht, dass gesellschaftliche Riten, die ursprünglich dem Gemein- sinn dienen und diesen festigen sollten, durch die Umstände und Verfügungen in Zeiten wie diesen das Gegenteil bewirken, schnell zu Isolation und letztendlich zu absoluter Desorientierung und einem Gefühl von Alleinsein führen können. Was bleibt, ist ein schaler Blick auf etwas, das vielleicht einmal war oder hätte sein können – oder der Blick in das geduldige, keine Fragen stellende und unterhaltsame Gegenüber: das World Wide Web.

ALEXANDER KOMENDA

Jove’s Palace

Die Serie untersucht die Nuancen zwischen dem Alltag, der Geschichte und der Geopolitik in Bezug auf die aktuelle Beziehung der Menschen zu der sie umgebenden, verschmutzten Landschaft. Mailuu-Suu, eine ehemals geheime „Atomgrad“-Gemeinde mit dem Codenamen „Mailbox 200“ in Kirgisistan, war ein zentrales Bergbauzentrum im Rahmen des sowjetischen Atomprogramms, in dem zwischen 1946 und 1968 Uranerz abgebaut wurde. Infolgedessen wurden insgesamt 23 giftige Abraumhalden entsorgt, von denen sich einige in erosionsgefährdeten Gebieten in der Nähe des Flusses sowie in Gebieten mit instabiler tektonischer Aktivität befanden und sowohl die Gemeinde als auch das bevölkerungsreiche Fergana-Tal flussabwärts bedrohten.

MONIKA KEILER

Über Arbeit

Mit der Serie möchte ich die Arbeit in der ostdeutschen Lebensmittelindustrie zeigen, die seit der Pandemie zwar als systemrelevant gilt, die aber – anders als die Arbeit von Krankenschwestern oder Kassiererinnen – meist unsichtbar bleibt. Auch weil sich die Produktionsstätten, in denen Le- bensmittel wie Nudeln, Brot oder Kekse hergestellt werden, häufig an den Rändern der Städte, in den Peripherien, befinden. Obwohl hier im Schichtsystem gearbeitet wird und die Arbeit eintönig ist, wird sie niedrig entlohnt und oft schlechter bezahlt als in den westdeutschen Bundesländern.

ROBIN HINSCH

Wahala

Die Arbeit entlarvt die Ausbeutungsmechanismen, die hinter der Gewinnung fossiler Brennstoffe stehen, und macht deutlich, dass es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der Zerstörung der Umwelt und der Gewalt gegen Menschen gibt. Die Fotografien decken die Widersprüche des Versprechens des ewigen Wachstums auf und enthüllen, wie sehr das System des fossilen Kapitalismus unter seinem eigenen Gewicht ächzt. Fotografiert in geopferten Zonen, an Orten, an denen langfristige Schäden an Umwelt und Menschen in Kauf genommen werden, weil sie an anderer Stelle Gewinne ermöglichen. Die Apokalypse hat bereits begonnen, auch wenn es den Konsumenten leicht gemacht wird, sie nicht zu sehen. Für die Menschen auf den Bildern ist sie jedoch Alltag.

DANIEL SEIFFERT

Trabanten

“Gropiusstadt, das sind Hochhäuser für 45.000 Menschen, dazwischen Rasen und Einkaufs- zentren. Von weitem sah alles neu und sehr gepflegt aus. Doch wenn man zwischen den Hochhäusern war, stank es überall nach Pisse und Kacke. Das kam von den vielen Hunden und den vielen Kindern, die in Gropiusstadt lebten. Am meisten stank es im Treppenhaus.“ (aus: Christiane F., »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«). 1962 legte der Architekt Walter Gropius zusam- men mit Willy Brandt den Grundstein für das Großsiedlungsprojekt »Gropiusstadt«. Ich selber bin auf der anderen Seite der Mauer in den 80er Jahren aufgewachsen, keine 500 Meter Luft- linie entfernt. Bei meinen ersten Ausflügen in den ‚goldenen Westen‘ wurden wir als Kinder vor dem Ort, der synonym für Drogen und Gewalt stand, gewarnt. Gegen diesen schlechten Ruf kämpft die Gropiusstadt noch immer. Meine Arbeit ist der Versuch einer Annäherung an den Mythos Gropiusstadt, ein Porträt entlang der fotografischen Grenze zwischen dokumentarischem Realismus und subjektiver Poesie. Worin wird es sichtbar, das ambivalente Lebensgefühl dieser einst stolz in Beton gegossenen und nunmehr gescheitert geglaubten architektonischen Utopie am Rande der Stadt? Seit dem 50. Geburtstag der Gropiusstadt porträtiere ich ihre Bewohner – am Rande Berlins, wo die Hoffnungen vom modernen Leben an die Rieselfelder Brandenburgs grenzen.

HANNE VAN ASSCHE

‚Удачный / Lucky’

In Jakutien, im äußersten Osten Russlands, liegt eine kleine Bergbaustadt namens Udachny. Die meiste Zeit des Jahres ist sie im eisigen Griff des Winters gefangen. Einer sibirischen Legende zufolge verschüttete Gott einst einen Sack mit irdischen Schätzen über diesem Teil des Landes. Eine dicke Schicht aus Permafrost bedeckt große Reserven an Kohle, Gas, Gold und Diamanten. Im Jahr 1955 stießen Geologen auf ein außergewöhnlich großes Diamantenvorkommen. Seitdem hat sich Udachny in eine der größten Tagebauminen verwandelt, die bis in eine Tiefe von 640 m reicht. Arbeiter reisten aus allen Teilen der Sowjetunion an und errichteten eine kleine Siedlung in der Nähe der Mine. Auch wenn ein fester Arbeitsplatz die einzige Motivation zu sein scheint, in dieser Monostadt zu leben, finden die 12 000 Einwohner weitere Gründe zu bleiben, die oft mit der starken Verbindung zur Natur und ihren Mitbürgern zusammenhängen.

CHRISTIAN K. LEE

Armed Doesn’t Mean Dangerous

In den Vereinigten Staaten ist der Waffenbesitz ein verfassungsmäßiges Recht, aber die Geschichte zeigt uns, dass Afroamerikaner, die dieses Recht in Anspruch nehmen, in ihren Rechten verletzt werden. In meiner Heimatstadt Chicago sah ich regelmäßig negative Darstellungen von Afroamerikanern mit Schusswaffen: Schwarze Menschen wurden dort und im übrigen Land mit Banden und Kriminalität in Verbindung gebracht, und Waffen in ihren Händen galten stets als gefährlich. Aber zu Hause sah ich eine positive, verantwortungsvolle Seite des Waffenbesitzes: Mein Vater war ein Armee-Veteran und ein Polizeibeamter. Ich wurde selbst zum Waffenbesitzer – einer der 24 Prozent der Afroamerikaner, die Waffen besitzen. Ziel dieses Projekts ist es, mich selbst und andere zu einer positiveren Sichtweise auf Schwarze Menschen und Waffen zu erziehen und damit ein ausgewogeneres Bildarchiv zu fördern.

ROGÉRIO VIEIRA

Somos todos alvos aqui

Am Montag, den 17. September 2018, wurde Rodrigo Alexandre da Silva Serrano von der Polizei erschossen, die angeblich seinen Regenschirm mit einem Gewehr verwechselt hatte. Welche Hautfarbe hatte Rodrigo? „Somos todos alvos aqui“ („Wir sind alle Zielscheiben hier“ – der Refrain des Rap-Songs „Estereótipo“ von MC Rashid) ist ein grobes und offenes Porträtprojekt, das die Debatte über Polizeigewalt anheizen soll, die Menschen in Stadtrandgebieten und Favelas in ganz Brasilien erleben. Alltägliche Werkzeuge und Accessoires werden als Metapher verwendet und beziehen sich auf den Tod von Personen, die von Polizeibeamten getötet wurden, die ein Werkzeug mit einer Schusswaffe verwechselten. Ich habe mit einer Mittelformatkamera fotografiert, und für jede Figur wurden im Durchschnitt fünf bis sechs Posen verwendet. Alle in diesem Essay abgebildeten Personen stammen aus der Stadt, in der ich lebe, São Paulo.

RUBEN HAMELINK

Living History

Unmittelbar nach dem Ende des Bürgerkriegs organisierten Veteranen Reenactments, um die nationale Einheit wiederherzustellen. Heute leben Tausende von hoch motivierten „lebenden Historikern“ ihre Version davon aus, wie es gewesen sein muss, während des „Krieges, der die Nation formte“ zu leben und zu kämpfen. Der Krieg wurde jedoch um die Abschaffung der Sklaverei geführt, was nicht immer in vollem Umfang anerkannt wird. Viele der heutigen Reenactors aus den Südstaaten werden durch eine problematische und romantisierte Version der Geschichte zum Bürgerkrieg hingezogen. Im Gegensatz dazu steht das „Slave Rebellion Reenactment“, eine Performance des Künstlers Dread Scott, in der er den Aufstand an der deutschen Küste von 1811, den größten Sklavenaufstand in der amerikanischen Geschichte, nachstellte. Für die Teilnehmer war es eine transformative Erfahrung.

GABRIELE GALIMBERTI

The Ameriguns

Nach Angaben des American Gun Violence Archive wurden allein im Jahr 2017 in den USA 12.262 Todesfälle, 24.959 Verletzungen und 49.017 Zwischenfälle durch Schusswaffen verursacht. Ich war schockiert, als ich las, dass Stephen Paddock, der Mann, der vor ein paar Jahren bei einem Konzert in Las Vegas mehr als 50 Menschen tötete, 47 Schusswaffen, darunter Pistolen und Gewehre, legal besaß. Alle diese Waffen befanden sich in jener Nacht in seinem Hotelzimmer. Bei meinen Nachforschungen stieß ich auf eine Familie in Texas, die über 200 Schusswaffen besitzt, auf eine Familie in Kalifornien, die 80 besitzt, und auf viele weitere Familien im ganzen Land. Ich reiste quer durch die USA und erstellte eine Reihe von Porträts von Familien und Einzelpersonen aller Altersgruppen, Rassen und politischen Ansichten, in ihren Häusern, in ihrer Umgebung zusammen mit den Schusswaffen, die sie besitzen.

JERRY TAKIGAWA

Balancing Cultures

Die Serie zeigt den Rassismus, der tief in das Gefüge unserer Gesellschaft eingewoben ist. Eine kürzliche Entdeckung von Familienfotos veranlasste mich, die Schande und den Verlust, den meine Familie in „den Lagern“ erlitten hat, zum Ausdruck zu bringen. Wenn in japanisch-amerikanischen Familien jemand von „den Lagern“ spricht, meint er die amerikanischen Konzentrationslager, die durch Präsident Roosevelts Executive Order 9066 sanktioniert wurden. Sie waren dazu gedacht, feindselige Reaktionen zu beschwichtigen, und schufen nach dem Krieg einen Schattenaspekt einer ganzen japanisch-amerikanischen Gemeinschaft. Durch dieses Projekt wird ein unterdrückter Teil meiner Kindheit enthüllt. Balancing Cultures repräsentiert ein dunkles kollektives Gedächtnis – lange Zeit zensiert durch das japanische Gebot des gaman (das scheinbar Unerträgliche mit Geduld, Würde und Schweigen zu ertragen) und die Angst, dass es sich wiederholen könnte, wenn ihre Stimmen zu laut werden. Ich erhebe heute meine Stimme, weil es wieder geschieht.

ALFONSO DE GREGORIO

Retained Reports

In dieser Serie hinterfrage ich unsere Beziehung zu Daten, die aus unseren privaten menschlichen Erfahrungen stammen und von Überwachungskapitalisten in Vorhersageprodukte umgewandelt werden, die auf verhaltensorientierten Terminmärkten verkauft werden, und ich lade uns ein, uns eine alternative wirtschaftliche und soziale Logik vorzustellen. Ich trainiere einen KI-Algorithmus, um ex-novo Porträts von imaginären Personen zu halluzinieren, die auf einer Analyse der Glasplatten im öffentlich zugänglichen Archiv von Costică Acsinte, einem der produktivsten rumänischen Fotografen des frühen 20: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein, wenn unser gesamtes zukünftiges Verhalten vorhergesagt wird?

JESSE EGNER

Disidentifications

„No Femmes. No Fats.“ Als ich als Teenager begann, Profile auf schwulen Dating-Apps zu erstellen, stieß ich häufig auf diesen Satz, der einen Präzedenzfall schuf, der meinen Körper als unerwünscht definierte. Als queere Person mit einem nicht-normativen Körper und einer unsichtbaren Behinderung setzte die ständige Ablehnung durch Mitglieder meiner schwulen Gemeinschaft einen Kampf zwischen meinem Körper und meinem Schwulsein in Gang. Meine Serie begann mit Selbstporträts – eine Aktion, die aufgrund meiner Abneigung gegen diese Praxis aggressiv war. Sie ermöglichte es mir jedoch, eine visuelle Erkundung des nicht-normativen Schwulseins zu beginnen. Durch die Verwendung von Elementen wie Absurdität, Humor und Unheimlichkeit ging ich schließlich von der reinen Selbstporträtierung weg und fotografierte mit anderen in einem kollaborativen Prozess, der es anderen Erzählungen und Erfahrungen ermöglichte, meine Arbeit zu beeinflussen.

LISE JOHANSSON

I’m not here

Die Serie, die in einem verlassenen Krankenhaus gedreht wurde, ist eine Reflexion über psychische Krankheiten und über Identität in einem Zustand des Übergangs. In der Leere zwischen dem Alten und dem Neuen ist dieser Übergangsritus ein verletzlicher Ort. Die Umgebung kann fließend werden, und man kann sich ohne Status oder Identität wiederfinden. Was war vorher und was kommt nachher? Psychisches Wohlbefinden war noch nie so wichtig wie heute. Die Pandemie hat Depressionen, Angstzustände und Müdigkeit verstärkt. Die Serie ist eine Reflexion über diese Themen. Ich schöpfe aus meiner persönlichen Erfahrung im Kampf gegen psychische Krankheiten und möchte einige der unerwünschten Stigmata rund um dieses Thema ansprechen und einen Raum für einen offenen Dialog schaffen.

SEAN LEE

Young Love

Als ich 17 Jahre alt und Schülerin war, verstarb Esther, das Mädchen, das neben mir in der Klasse saß, nach einem kurzen Kampf mit einer Krankheit, bevor wir die Gelegenheit hatten, uns zu verabschieden. Heute bin ich Teilzeitlehrer für Fotografie an einer Schule für neue Medien. Wenn ich mir meine Schüler ansehe, muss ich an die Tage meiner Jugend denken. Ich dachte an die Freunde, mit denen ich früher zusammen war, an die Zeiten, in denen ich mich verliebt hatte, und an all die Nächte, die wir auf Partys verbrachten. Aber ich musste auch an sie denken. Ich sage meinen Studenten oft, dass die Fotografie uns vor allem lehrt, dass unsere Zeit hier kurz ist. Vielleicht ist diese Arbeit eine Möglichkeit für mich, mich angemessen von meiner Jugend und von Esther zu verabschieden.

ETTORE MONI

In the House

Das Projekt möchte ein roher und wahrhaftiger Blick sein, um unsere Augen für die Schönheit eines jeden Menschen zu schulen und uns von der konventionellen Ästhetik zu befreien, die uns der Markt auferlegt. Die Porträts sind alle auf 4×5 und 8×10 Blättern aufgenommen; das Projekt besteht auch aus anderen Bildern von Objekten, Landschaften und Architekturen, die in meinem Kopf eine einzige Geschichte um die menschliche Figur bilden, die Teil meines täglichen Lebens sind. Nach Jahren, in denen ich Landschaften und Architektur fotografiert habe, und nach Covid hatte ich das Bedürfnis, die menschliche Figur wieder aufzunehmen. Der Betrachter sieht reale Menschen ohne Künstlichkeit und ohne Unterscheidung des Geschlechts.

HEJA RAHIMINIA

Conex living

Diese Porträts zeigen Asylbewerber, die in Conex-Boxen in einem Wald in der Nähe eines kleinen Dorfes in Brandenburg (Deutschland) leben. Ursprünglich waren diese Conex-Boxen nur als vorübergehende Unterkunft für maximal ein oder zwei Monate gedacht, doch jetzt sind sie zu Dauerunterkünften geworden. Kalte und seelenlose Atmosphäre, gemeinsame Toiletten und Bäder, schlechte Hygiene, fehlende Abtrennungen, keine Privatsphäre und die Entfernung von der Stadt und den normalen Menschen sind nur einige der Probleme, mit denen diese Menschen zu kämpfen haben. Die meisten von ihnen haben einen negativen Bescheid auf ihr Asylverfahren erhalten und warten auf ein Gerichtsverfahren und eine erneute Verhandlung ihres Falles, was zwischen drei und fünf Jahren dauert.

NIV SHIMSHON

The Close Park

„The Close Park“ ist der Name, den meine Familie und ich dem Spielplatz neben unserem Haus gegeben haben. Als wir 2017 nach Hamilton, Ontario, zogen, begannen wir, viele Tage und Abende dort zu verbringen. Durch diesen Platz lernten wir unser neues Zuhause und unsere Nachbarn kennen, von denen einige, wie wir, Neuankömmlinge waren, während andere in Hamilton geboren und aufgewachsen waren. Der Park bringt Menschen mit den unterschiedlichsten rassischen, kulturellen, ethnischen und geschlechtlichen Hintergründen zusammen, und so lernten wir unser Viertel als einen Ort mit großer Vielfalt kennen. Inzwischen hat sich das Projekt über die Grenzen des Parks hinaus auf mein Viertel und die umliegenden Gebiete ausgeweitet. Ich habe den Projekttitel beibehalten, um die Intimität widerzuspiegeln, die sich zwischen den Menschen und den Räumen entwickelt, die eine Erweiterung ihres Lebens und ihrer Identität sind.

SHELLI WEILER

ENJOY house

Die Serie dokumentiert den Aufstieg und die Verbreitung von Selfie-Fabriken für Instagram in New York und Los Angeles, die diese Formen des flüchtigen Vergnügens als feindliche und unbewohnbare Umgebungen darstellen. Subjekte und Räume werden auf der Suche nach Idealen produziert, wobei die Orte der Unterhaltung durch ihre Unzulänglichkeiten geprägt sind. Eine kalte Atmosphäre entsteht durch die Anhäufung disparater Orte und ihrer Besucher, die alle zu Akteuren desselben Theaters werden, das aus kostümierten Räumen besteht, die eher den Anschein von Abwaschräumen als von Spielplätzen erwecken. Die formale Einfachheit der Graustufen zeugt von dieser symbolischen Kraft und unterstreicht das Erbe einer Generation, die eine moderne, leere Erfahrung gemacht hat.

Sämtliche Künstlerserien sind auch in unserem aktuellem Katalog zu finden.